Montag, 12. April 2010

12. April 2010

Der wilde Wolf hat sich an die Freiheit gewagt. Zumindest daran geschnuppert. All die Jahre habe ich verdrängt, verharmlost, versucht mir einzureden, es sei nicht schlimm, es sei nichts passiert, es sei alles normal. Aber es geht nicht mehr, der bekanntliche Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, ist hineingetropft und es kommen Sachen in mir hoch, die jahrelang sicher verschloßen in diesem Faß gelagert waren.
Gestern bin ich zu meiner Mutter gefahren, um mich zu vergewissern, was damals passierte. Mit einer unglaublichen Ruhe, Gleichgültigkeit und Gelassenheit erzählte sie.

Danach Treffen mit meiner besten Freundin, meiner wundervollen besten Freundin. Daraufhin Durcheinander. Ich wollte zu ihr, wir wollten abhauen, ich fuhr zu meinem Freund, wir wollten uns trennen, ich brach zusammen, wir fanden wieder zusammen, genau wie meine beste Freundin und ich. Es ist sehr schwer, zu akzeptieren, dass es zum ersten Mal zwei Bezugspersonen in meinem Leben gibt, die mir gleich wichtig sind. Eine konnte ich bisher akzeptieren und kam damit wunderbar zurecht. Sobald sich eine Zweite anbahnte, wurde die erste oder zweite Bezugsperson verlassen. Diesmal klappte es nicht. Es geht nicht. Nicht ohne sie, nicht ohne ihn.
Und ich habe Angst, dass ich sie verliere, bleibe ich bei ihm. Dass ich ihn verliere, bleibe ich bei ihr. Dass ich sie beide verliere, weil ich mich selbst verliere.

Es ist alles so Durcheinander, meine ganze Ordnung, mein ganzes krankes System bricht. Es musste irgendwann zusammenbrechen und vermutlich habe ich heute selbst damit begonnen, weil sonst nicht das System, sondern ich selbst daran zerbrochen wäre.
Ich werde nun Essen, danach nicht erbrechen. Zerbrechen reicht.

04:26

Schlecht, wenn man als Borderliner keine Fleischwunden sehen kann.

05:05

Es lässt mich nicht los.
`Im Wald ist etwas Schlimmes passiert. Ich darf nicht darüber sprechen. Im Wald ist etwas ganz Schlimmes passiert.`
Diese Sätze soll ich meiner Mutter angeblich einmal gesagt und mich daraufhin extrem verändert haben. Ich weiß, dass ich mich extrem veränderte, dass da keine Mühen mehr waren, mein kaputtes Inneres geheim zu halten und unter einem Mantel der Fröhlichkeit und Freundlichkeit zu verstecken. Aber ich erinnere mich nicht daran, soetwas jemals gesagt zu haben. Geschweige denn, dass in diesem Wald irgendetwas passiert ist.
Und was mich noch viel mehr interessiert, weshalb fragte meine Mutter nicht weiter nach? Sie sagte mir, zweimal hätte sie mich gefragt und jedes Mal hätte ich wie oben geantwortet. Sie erzählte komplett gefühllos, gleichgültig weiter.
`Das weiß ich noch, danach hast du dich auch so verändert. Da hast du nicht mehr mit mir gesprochen, über gar nichts mehr. Du wolltest auch nicht mehr zu der Oma, weil du immer gesagt hast, dass da im Wald etwas Schreckliches passiert wäre. (Zur Erklärung, dies war die Mutter meiner Mutter und alle lebten bzw. leben eher ländlich. Damals gab es dort einen Hund, den ich jedes Mal, wenn wir dort waren, spazieren führte im besagten Wald. Mir tat der Hund so schrecklich Leid, weil er ein trauriges Zwingerleben fristete.) Und dein Zimmer sah auf einmal aus, so chaotisch und überall ganz dunkle Bilder von Drachen und anderen Sachen an der Wand. Einmal, da hast du so ein schreckliches Bild gemalt, von toten Menschen und Kreuzen, da dachte ich mir, dass ich das einem Psychologen zeigen muss, weil ich mich so erschrocken hatte. Ich hatte mir das Bild in den Schrank gelegt, aber ich glaube, du hast es wieder rausgeholt. Auf einmal war es weg.` (Ich weiß nicht mehr genau, was ich gemalt hatte, aber ich kann mich daran erinnern, dass ich mich geschnitten und es mit meinem Blut übermalt hatte).

Da überlegt man. Jahrelang. Man weiß, dass der Kontakt zu seiner Mutter nie wirklich richtig gut und liebevoll war und kann sich daran erinnern, dass auf einmal, im Alter von ungf. 13 oder 14 alles eskalierte und man gar nicht mehr mit seiner Mutter sprechen wollte. Und dass sich all das Negative in einem selbst nach außen kehrte. Dass die Selbstmordgedanken nicht nur mehr ferne Gedankenspielerei waren, sondern sich ernsthafte Überlegungen wandelten. Man überlegt, jahrelang. Man weiß, schon sein Leben lang war man nicht normal, aber wieso kehrte man es auf einmal nach außen? Wieso wurde der Mantel der scheinbaren Fröhlichkeit abgelegt und die nackte Wahrheit ans Licht gebracht?
Und dann, an einem Sonntagnachmittag, bekommt man es gefühllos, nebenbei gesagt. Eine beiläufige Erinnerung, an die ich mich beim besten Willen nicht erinnern kann.

Es geht weiter. `Danach sind wir noch einmal zusammen zur Oma gefahren. Auf den Geburtstag vom Onkel F. Da saßt du den ganzen Abend bei dem Hund im Zwinger und hast geheult. Und da hat der Onkel F. dich gefragt, was denn los sei. Das weiß ich noch, da kam der Onkel F. zu mir und sagte mir, du wolltest nach Hause, du würdest das hier nicht aushalten, weil im Wald etwas Schlimmes passiert sei.`

Wir sind mittlerweile bei 2 Tafeln Schokolade, 500ml. Buttermilch, 4 Scheiben Toast, 2 Scheiben Aufschnitt, 2 Scheiben Käse, 200gr. Keksen 750ml. Pepsi Light und 500ml. Multivitaminsaft Light angelangt. Ich habe Hunger.

`Als Kind, da musste ich dich immer von der Grundschule abholen. Sehr häufig, weil du dort nicht sitzen konntest. Dir ist sooft schlecht geworden im Unterricht und da musste ich dich immer abholen kommen. Und zweimal, da hattest du dich ganz blutig gekratzt. Da musste ich auch kommen.`

`Mit der Oma (Mutter meines Vaters) war es ja früher auch nicht leicht. Sie wollte ja immer über dich bestimmten und dich für sich alleine haben. Und der Papa hat da natürlich zu ihr gehalten. Ich habe dich ja jeden Mittwoch dorthin gebracht und danach musste ich dann auch direkt gehen, weil die mich nicht dahaben wollten. Außerdem war die Oma ja auch nicht einfach, immer sehr perfektionistisch.`

`Einmal, da hast du als Kind gesagt, ich habe meinen Verstand verloren. Und dann bist du ins Kinderzimmer gegangen und kamst zurück und hast ganz glücklich gesagt, ich habe meinen Verstand wiedergefunden.`

Sie weiß es nicht, oder verdrängt es. Sieht es nicht, hat es nie gesehen. Jede Nacht die schrecklichen Ängste. Schwarze Schatten von Männern habe ich gesehen, die meiner Zimmertüre standen. Nächte, in denen meine Kinderzimmerwand tiefe Risse bekam. Ich habe geschrien, aber es ist niemand gekommen. Nie. Bei Gewitter in der Nacht hatte ich Todesangst.
Die schrecklichen Ängste vor LKW`s. Wenn ich mit meiner Mutter im Auto fuhr und neben uns ein LKW hielt, bekam ich solch eine Panik, dass ich anfing zu schreien und zu heulen und panisch versuchte, das Auto zu verlassen. Ängste vor Aufzügen. Immer wieder die selben Alpträume. Schreien wollen und nicht können. In Aufzügen stecken bleiben, wieder und wieder und wieder. Mit Aufzügen abstürzen. Von Gebäuden fallen, schwarzer Himmel. Nicht zu wissen, ob man träumt, oder ob es Realität ist, was gerade geschieht.
Allergien gegen alles, Atemnot, ständige Übelkeit, vor jedem Urlaub Erbrechen und Krank werden, manches Mal gar nicht in Urlaub fahren können, weil ich es nicht aushielt, von Zuhause weg zu sein, plötzlich nicht mehr Laufen können.
Blaugeschlagene Handknöchel, blutig gekratzte Wunden, absichtliche Unfälle. Gemalte Bilder von Mord, Blut, Tod. Von blutrünstigen, zerfleischenden Drachen und Dinosauriern, von Burgen, in denen Menschen verbrennen, von Piratenschiffen, auf denen sich die Menschen gegenseitig erstechen. Alles meist schwarz. Nur das Blut, das musste leuchtend rot sein.
Seltsam anmutende, nicht enden wollende sexuelle Verhaltensweisen, unangebracht für ein Mädchen, das noch nichteinmal die Grundschule besucht.
Gewalt gegenüber männlichen Bezugspersonen. Meinem Vater habe ich die Arme blutig gebissen, manchmal habe ich versucht, ihn im Bett zu ersticken. Meinen Opa habe ich andauernd verprügelt. Aber nicht mit böser Absicht, ich mochte meinen Opa. Meinen Vater genauso. Ich mag sie beide immer noch. Und ich mochte sie viel mehr, als wie meine Oma oder meine Mutter.
Gewalt gegenüber ... worüber ich nicht schreiben kann. Es ist grausam.
Ständig der Drang, etwas zu zerstören. Plötzlich aufkommende Hassgefühle und Aggressionen. Gedanken, man müsse alles kaputt machen, sich daneben benehmen. Ein innerer Zwang, den man letztendlich doch nicht auslebte.
Und diese Geschichte, die ich nicht loswerde. Mit dem immer gleichen Inhalt nur in abgewandelter Form. Tagsüber fällt oder fiel es mir schwer daran zu denken, sie kam jedes Mal, wenn ich ins Bett ging. Sie kommt heute noch jedes Mal, wenn ich ins Bett gehe. Meine Phantasiegeschichte, meine Fluchtwelt, wie ich sie so gern nenne.

Das alles oben passierte, bis sich meine Eltern trennten. Ich war damals 10.

`Aber im Großen und Ganzen warst du doch eigentlich immer ein glückliches Kind!`

4 Kommentare:

  1. Hi du,

    ich glaube dir, dass das verwirrend für dich ist, vor allem, weil es so lange anders war.
    Weißt du, es kann unglaublich schön sein, zwei bezugspersonen oder sogar noch mehr zu haben.
    Ich denke, du musst dich auch nicht entscheiden. Das ist wie mit freundschaften, da kann man auch mehrere haben. Du musst ja für keinen rund um die Uhr da sein.
    Das Gefühl, sich zu verlieren ist schlimm...

    Ich denk ganz lieb an dich.

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  2. Hey du. Manchmal setzen mich solche Kommentare schon unter Druck aber meistens geht es so an mir vorbei, hab mein eigenes Bild von mir. Es ärgert mich aber manchmal, was ich mir alles anhören muss, irgenwann ist es nicht mehr so lustig. Meinem Freund werde ich mal sagen, dass er irgendwo eine Grenze finden soll, wo er dann aufhört, irgenwann ist es eben zu viel. Es nervt... Aber manchmal esse ich dann wirklich aus Protest mehr, als ich will. Manchmal weniger, als normal. Mal so, mal so.

    Jetzt zu dir: Es ist toll, zwei Menschen zu haben, die da sind. Ich denke, so ist es besser, eine beste Freundin und der feste Freund nehmen einander ja nichts. Beide sind sehr wichtig, das kann sich super ergänzen. Ich kenn das aber auch von mir, dass ich mich an eine Person hänge, und andere zu Nebenpersonen werden, aber beide können wichtige Posten in deinem Leben sein.
    Krass, was dir passiert ist. Aber "im Großen und Ganzen glücklich" ist das wohl nicht. Das sagen Eltern, die nicht wahr haben wollen, dass doch nicht alles gut ist. Ich wünsche dir viel Kraft, irgendwann damit klar zu kommen...

    Alles Liebe, Sora

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  3. Ich weiß garnicht so richtig, was ich am besten schreiben soll. Du wolltest doch mal in eine Klinik gehen oder? Ich würde es fast am besten finden, wenn das eine psychiatrische ist und keine psychosomatische. In den psychiatrischen hast du nämlich abends weitaus mehr Ansprechpartner mit denen du reden kannst und man kann dir dort auch mit Medis helfen. Und vor allem wenn es dir schlecht geht, dann ist auch nachts um 3 Uhr jemand auf der Station, mit dem du reden kannst.
    Versuch mal eine Kampfsortart zu machen, das hat eine Freundin von mir gemacht und das hat ihr recht gut geholfen.

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  4. ich habe nicht so ganz verstanden, warum du angst hast, dass deine freundin und/oder dein freund dich verlassen könnten oder wollten - wenn man in einer krise ist, dann kann man sich auf gute freunde eigentlich verlassen (?)

    zu all dem anderen: es klingt furchtbar und danach, dass du als kind traumatische erlebnisse hattest, die dich einfach sehr verstört haben... in welcher form auch immer. es wird wahrscheinlich mit der zeit nach oben kommen - ich hoffe, dass du bis dahin eine therapie für dich finden kannst, wo du gut aufgehoben bist. und... deine mutter hätte damals reagieren müssen, einfach darüber hinwegzugehen, das ist ja schon unterlassene hilfeleistung.

    ich hoffe, du kannst ein bisschen ruhe finden.
    alles liebe.

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