Samstag, 16. Oktober 2010

16. Oktober 2010

Es kämpft in mir. Wie soll ich ihnen erklären, dass ich es mir nicht erlauben kann, Hilfe anzunehmen? Dass ich es nicht verdient habe? Dass ich ihn verraten würde, würde ich es tun? Dass ich sie alle verraten würde? Andererseits würde ich erneut zerstören, nehme ich keine Hilfe an. Es würde sie kaputt machen. Beide. Es kämpft in mir.

Es irrt in mir herum, wie ein getriebenes, verfolgtes Tier. Verzweifelt und verängstigt, von einer Ecke in die andere. Wohin. Wohin und wie weiter. Ich weiß nicht mehr wohin, ich weiß nicht mehr wie weiter.

Es kämpft in mir. Ich bedeute ihnen etwas, ich will sie nicht verletzen. Ich will nicht, dass sie an mir zerbrechen, wie schon soviele Lebewesen an mir zerbrochen oder zumindest angeknackst wurden. So lange habe ich faules, fettes Stück Dreck auf Hilfe gewartet und gehofft (insgeheim). So lange. Nun ist der Zeitpunkt gekommen, dass sie da ist. Von zwei Seiten, ich spüre, wie sehr sie sich sorgen und ich faules, fettes Stück Dreck nehme sie nicht an. Zerstören. Zerstören. Zerstören. Zerstöre ich mich selbst, zerstöre ich sie. Zerstöre ich mich nicht, verrate ich ihn, sie alle. Es kämpft in mir.

Ich habe Angst. Ich konnte es als Kind schon nicht ertragen, nicht an dem Ort zu sein, der sich Zuhause nennt. Auch wenn das Zuhause noch so zerstörend war, ich konnte es nicht ertragen, an einem anderen Ort zu sein. Klassenfahrten, Ausflüge, Übernachtungen bei Freunden, Jugendreisen (die ich einmal in meinem Leben unternahm), waren ein einziger Horror. Und sicherlich ist ein Psychatrieaufenthalt absolut nicht mit einer Klassenfahrt, einem Ausflug, einer Übernachtung bei Freunden oder einer Jugendreise zu vergleichen. Lieber zerstörende Routine und Kontrolle. Die Klinik, in die ich eigentlich nächstes Jahr sollte, ist noch soweit weg. Dort ist es warm, ein wenig. Die hier zuständige Psychatrie hingegen ein einziger Horror. Ich habe Angst.

Es ist mir peinlich, Hilfe anzunehmen. Ich bin solch ein gestörtes, abartiges Wesen. Ich habe mein Leben abgegeben, dachte ich. Wohin ist die Freiheit und Gefühllosigkeit?

Es irrt in mir herum, wie ein getriebenes, verfolgtes Tier. Verzweifelt und verängstigt, von einer Ecke in die andere. Wohin. Wohin und wie weiter. Ich weiß nicht mehr wohin, ich weiß nicht mehr wie weiter.

Nächste Woche werde ich meine Meerschweinchen an die Meerschweinchennotfallhilfe übergeben. Dort werden sie nicht mehr vermittelt und einen hoffentlich seligen Lebensabend in der Seniorengruppe verbringen. Egal, in welche Richtung ich gehen werde. Ich werde nicht mehr für sie da sein können, egal, ob es nie wieder oder für einige Zeit sein wird. Sie müssen in Sicherheit sein, bevor ich irgendetwas unternehme. Meine geliebten, kleinen Meerschweinchen. 


05:49

-Sinn.los.er, schwach.sinnig.er Seelen.dreck-

05:57

Und nochetwas. Was mache ich mit ihm? Ihm, der mich seit Kindertagen begleitet, mir sooft half. Ihm, der in mir ist, der ich bin, der ich ist. Gehe ich, nehme ich ihn zwangsläufig mit. Ich habe ihm schon seinen Hund genommen, damit der Abschied leichter würde. Unbewusst. Gehe ich, nehme ich ihn zwangsläufig mit. Es wäre Erlösung. Zumindest für ihn. Kämpfe ich, wird man ihn zwangsläufig entdecken, was er nicht will. Denke ich, weiß er. Ohne ihn existiere ich nicht, ohne mich existiert er nicht. Und allein werde ich ihn nicht gehen lassen. Ihn, der mich seit Kindertagen begleitet, mir sooft half.

Und was ist mit ihr? Ihr, die so selten dort ist, aber dennoch da. Sie, die mich nicht solang wie er begleitet, aber auch seit einer kleinen Ewigkeit. Sie möchte definitiv nicht gehen. Sie braucht allerdings auch nicht zu kämpfen. Sie ist erfüllt. In jeglicher Hinsicht. Oder ist es sie, die erwachsen geworden und plötzlich eingebrochen ist? Oder ist es eine neue Sie, die mich definitiv noch nicht sehr lang begleitet?

Es irrt in mir herum, wie ein getriebenes, verfolgtes Tier. Verzweifelt und verängstigt, von einer Ecke in die andere. Wohin. Wohin und wie weiter. Wir wissen nicht mehr wohin, wir wissen nicht mehr wie weiter.

12:02

Ich nehme zu schnell ab. Zuviel und zu schnell. Was will ich eigentlich? Nehme ich zu, hasse ich mich. Absoluter Ekel. Nicht aushaltbar. Nehme ich ab, hasse ich mich. Angst, ein wenig. Aushaltbar, irgendwie. Irgendwann sollte man alt genug sein, um zu wissen, wer man ist und was man will. 
Meine Mutter sagte es mir doch schon vor Jahren. `Du musst doch langsam mal alt genug dazu sein, um das hinzubekommen.` `Du bist doch kein kleines Kind mehr!` `Du musst doch langsam mal alt genug dazu sein, um zu wissen, was du willst.`
Ja, mein Körper altert. Kontinuierlich. Wie von der Natur vorgesehen. Vielleicht, aufgrund des selbstschädigen Verhaltens auch etwas schneller. Aber mein Geist kommt nicht mit. Er springt umher, von Kleinkindalter, in die Pubertät, zum gebildeten Erwachsenen und wieder zurück.
Mein Körper ist alt genug, um zu wissen, was er braucht. Doch wenn der Geist, der in ihm lebt, nicht stimmt, dann bringt es dem wissenden Körper auch nicht viel. Eigentlich rein gar nichts.

Ich gehe mich nun wiegen. Gefressen, gekotzt und geschnitten habe ich bereits. Außerdem die Wäsche erledigt, ein wenig Sport gemacht und die Spülmaschine ein- und ausgeräumt. Sehr fleißiges Mädchen.
Es ist doch alles sinnlos.

17:43

Ihr könnt euch doch alle ficken. Alle samt. Diese ganze Dreckswelt kann sich ficken! Nein, ich meine nicht dich, falls Du es lesen solltest, ich rede von dieser ganzen Dreckswelt. Von soetwas, was sich Familie nennt (nein, ich meine dich wirklich nicht, sondern meine Großeltern, meinen Vater, meine Mutter). 

Fickt euch! Nein, ich bin nicht die perfekte Tochter, Enkeltochter, was auch immer! Und nein, ich kann leider nicht rückgängig machen, was alles passiert ist, oder mich von Heute auf Morgen ändern! Fickt euch!

`Das mit der Klinik, das wird frühestens nächstes Jahr Februar oder März etwas. Nun bin ich am überlegen, ob ich eventuell vorher hier in die Psychatrie gehe.`

`Wie, das wird erst nächstes Jahr was? Dann kommst du ja wieder nicht ans Arbeiten! Dann verschiebt sich das ja wieder alles! Du musst langsam echt mal zusehen, dass du eine Arbeit bekommst!`

`Ja. Ich gehe ja schon extra vorher hier in die Psychatrie, weil ich nicht mehr kann.`

`Ja. Dann fängst du am Besten dort schonmal an, dir eine Arbeit zu suchen, weil du endlich arbeiten gehen musst! Dann lässt du dir vom Arbeitsamt eine eigene Wohnung vermitteln, weil du das mit deiner Selbstständigkeit ja ohnehin nicht auf die Reihe bekommst und das ohnehin nichts wird mit deiner Beziehung, und dann suchst du dir schonmal eine Arbeit!`

`?`

`Ja. Mit der Klinik ist es doch viel zu spät. Musst du das jetzt überhaupt machen? Dann guck doch mal, ob du nicht schon hier in der Psychatrie an Arbeit kommst.`

Wo ist der Fehler? 
Fragen, weshalb ich denke, dass es besser wäre, wenn ich vor der Klinik in die Psychatrie gehe? - Fehlanzeige.
Fragen, weshalb ich nicht mehr kann? - Fehlanzeige.
Glaubt meine verfickte Familie ernsthaft, ich gehe in die Psychatrie und/oder in eine Klinik, komme raus und kann urplötzlich eine Vollzeitstelle annehmen (die ich auch direkt finden werde), ganz normal essen, mein Gewicht akzeptieren? Depressionen, Angstzustände, Dissoziation, die Alkoholexzesse, die Selbstverletzung, Zwangsverhalten. All das verschwindet einfach so, nur weil ich ein paar Wochen in eine Klinik gehe? 
Fickt euch doch einfach nur.

So. Abgeregt. Definitiv übertrieben, aber abgeregt.

Danke für den lieben Kommentar. Ich werde darauf im nächsten Posting antworten.
 

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1 Kommentar:

  1. Bist du multipel? oO Oder hab ich dich falsch verstanden? Das ist ja eine ganz andere Größenordnung. :( Und erst jetzt wird Therapie ein Thema für dich? Ich bin geschockt. Wie lang trägst du das schon mit dir herum?
    Ich finde die Vorstellung einer Psychiatrie auch sehr beklemmend. Aber hast du denn schon eine ambulante Therapie gemacht?
    Ich wünsche dir ganz viel Mut, die Hilfe anzunehmen.

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