Und nein, besser geht es mir nach gestern Abend nicht.
10:30
Noch etwas. Ich habe Angst. Angst davor, dass er wieder nach Hause kommt. Nein, er wird mir nichts tun. Nicht diese Angst. Er hat sich geändert und ich glaube, so langsam ist es an der Zeit, ihm wieder zu vertrauen und darüber nachzudenken, ob ich mit meinem kranken Kopf nicht alles furchtbar fehlinterpretiere. Ich habe Angst, dass er mir Zeit nimmt. Meine wertvolle Zeit. Meine Freiräume, meine Minuten, Stunden, die ich für mich allein brauche.
Wir telefonierten gestern. Ich sagte furchtbare Sachen. Meine Stimme war hart und kalt. Innerlich schrie ich mich an, etwas Liebevolles zu sagen, doch es kam nichts. Nach dem Telefonat setzte ich mich zu meinen Meerschweinchen und heulte mir die Augen aus, weil ich wieder einmal ungewollt so verletzend war. Aber ich kann es ihm nicht sagen. Sobald ich sprechen möchte, sooft, kommt kein Wort. Manchmal schreit er mich regelrecht an, ich solle mit ihm reden. Irgendwas. Aber es kommt nichts. Und in mir schreit es auch. Irgendwie. Aber es kommt nichts.
Wie sollte er es auch verstehen? `Du, ich zerfetze gern deine Seele, aber ich mache es nicht mit Absicht.`
Ich habe mich verloren. Vielleicht, weil es mich niemals gab.
13:50
Lebenserhaltend. Damals wie Heute.
14:08
Ich denke, ein Körper und ein (vielleicht auch mehrere) Geist(er), sie wissen, wann es soweit ist. Der Körper zeigt es dem Geist/den Geistern, der Geist/die Geister (nicht alle, einige dafür umso deutlicher) beeinflusst/beeinflussen den Körper. Sie wissen es.
Bei Meerschweinchen ist es so, dass sie sich zurückziehen. In ihr Häuschen vielleicht. Bei Menschen vielleicht, dass sie sich zurückziehen. In ihr Bett, auf ihr Sofa. In mehrere, viel zu große Pullover. Versteckt unter viele, viele Decken. Meerschweinchen kuscheln sich in ihr Heu, schaffen eine letzte Schlafstätte. Menschen ebenfalls. Kuscheln sich in die vielen Textilienschichten ein. In der Hoffnung, dass das, was sich darunter verbirgt, nicht wirklich existiert. Meerschweinchen sondern sich ab, wenn es soweit ist. Es lässt sich lange verbergen, aber irgendwann verlässt sie die Kraft. Sie verlassen die Gruppe. Das schwächste Mitglied geht, um die Gruppe nicht zu schwächen und die Art zu erhalten. Menschen sondern sich ab, wenn es soweit ist. Es lässt sich Vieles über Jahre verbergen, doch umso mehr verborgen wird, umso deutlicher schwächt es Geist und Körper. Irgendwann lässt es sich nicht mehr verbergen. Irgendwann ist es egal, ob man etwas zu verbergen hat oder nicht. Kontakte verlieren sich. Es wird egal. Es ist egal. Man kümmert sich nicht mehr. Zuerst nicht mehr um sich selbst, dann um das Umfeld. Alles wird egal. Meerschweinchen sterben. Einsam. Lautlos. Es sei denn, man kennt sie. Seine geliebten Tiere. Erkennt die Anzeichen und entlässt sie in den seeligen Schlaf, bevor sie von allein den schmerzvollen Todesgang antreten. Menschen sterben. Einsam. Lautlos. Denn es kennt sie niemand mehr, da sie lange Zeit vorher auch niemand mehr kennen wollten. Sie hoffen, dass es schnell geht. Denn auch, wenn sie ihr Umfeld noch so grausam behandelten, sie wollen nicht im Selbstmord gehen. Ein natürlicher Tod ist für das Umfeld leichter zu verkraften, als wie ein Selbstmord. Selbstmord lässt darauf schließen, dass irgendetwas nicht stimmte. Im ganzen System und dass irgendwo eine Ursache schlummert. Ein natürlicher Tod lässt sich einfacher darstellen. Vermutlich gab es auch eine Ursache, die in den natürlichen Tod trieb, aber man ist nicht gezwungen, diese Möglichkeit anzunehmen. Man kann sich, wie all die Jahre zuvor, in der scheinbaren Sicherheit einer gespielten, heilen Wirklichkeit wiegen, bis man selbst eines natürlichen Todes dahingeht.
Schließlich sterben wir alle. Irgendwann. Irgendwie.

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